Zwei Worte, die derzeit häufig durch die Medien und durch Familienblogs und -seiten geistern. Doch was bedeuten sie?

Unerzogen. Das Wort hat einen fahlen Beigeschmack. Galten unerzogene Kinder doch als frech, vorlaut, undankbar und schlimm. Doch für mich und viele andere bedeutet unerzogen etwas ganz anderes. Für mich bedeutet es, mein Kind wahrzunehmen und auf seine Bedürfnisse einzugehen. Ich übe gegenüber meinem Kind nicht die Macht des Älteren und Stärkeren aus. Ich versuche das Wort „muss“ komplett zu streichen. Ich versuche, gewaltfrei zu kommunizieren. Ich versuche, keine „Wenn du…, dann…“ -Formulierungen zu verwenden.

Natürlich braucht das viel Geduld. Natürlich gibt es Situationen, da geht es nicht anders, und ich bin die bestimmende Person. Aber diese Situationen sind in Wahrheit sehr selten.

Ich habe einmal gelesen, dass es fünf Sachen gibt, die von Geburt – oder vielleicht sogar schon von Zeugung an – selbstbestimmt sind, da sie von jedem anders empfunden werden. Das ist

  • heiß und kalt
  • hungrig und durstig
  • müde

Denkt einmal darüber nach. Würde es Sinn machen, wenn ihr versucht, euch zum Schlafen zu zwingen? Warum laufen manche bei 20 Grad mit dicker Jacke herum, und andere in kurzen Hosen? Wieso isst der eine eine ganze Pizza, der andere schafft aber nur eine halbe?

Jeder Mensch ist nun mal verschieden. Und das trifft nicht nur auf Erwachsene zu, sondern auch auf Kinder. Unserer Tochter war es immer schnell zu warm. Grundsätzlich hatte sie eine Schicht weniger an als ich. Es gibt Zeiten, da möchte sie um 20 Uhr schlafen gehen, es gibt Zeiten, da läuft sie bis 22 Uhr quietschfidel herum.

Was würde passieren, wenn ich sage, sie muss um 19 Uhr ins Bett gehen?

Bei uns gäbe es vor allem eines: Frust.

Frust auf beiden Seiten. Frust beim Kind, weil es wach im Bett liegt und dort aber nicht sein will. Oder herum läuft, weil es nicht müde ist. Oder heimlich im Zimmer etwas anstellt. Frust bei den Eltern, weil sie doch schon gerne ihre Ruhe hätten. Oder weil es bei den Freunden die auch Kinder haben, doch auch klappt und die Eltern sich deshalb wie Versager fühlen.

Deshalb ist es bei uns so, dass unsere Tochter selbst entscheidet, wann sie müde ist. Als sie das noch nicht artikulieren konnte, haben wir einfach die Zeichen gedeutet. Wenn sie zB anfing zu gähnen, hatten wir noch eine gute halbe Stunde, um sie bettfertig zu machen.

Das heißt aber nicht, dass sie keine Grenzen hat und wir keine Abläufe haben. Im Gegenteil. Bei uns gibt es sehr viele Regeln, die wir immer klar kommuniziert haben. Sie weiß dass Nein wirklich Nein heißt und es dabei bleibt. Natürlich gibt es immer wieder Phasen, wo sie diese Grenzen testet. Das ist – auch wenn es anstrengend ist – sehr wichtig so. Sie testet, ob sie sich auf uns verlassen kann. Sie testet, wie wir reagieren und lernt so, selbst Nein zu sagen.

Wichtig ist aber: Beide Parteien haben das Recht auf ein Nein. Und dieses Nein wird dann auch respektiert so gut es möglich ist. Jemand hat uns einmal gesagt, wenn wir Nein sagen, dann sagen wir es mit dem Gedanken „Nein, weil ich dich liebe.“ Dasselbe gilt für unsere Tochter. Wenn sie sagt, sie will etwas nicht, dann hat das meistens einen guten Grund, und diesen versuchen wir dann zu verstehen und zu akzeptieren.

Ebenso achten wir darauf, Verneinungen zu vermeiden und Ich-Botschaften zu verwenden. Anstatt zu sagen „Ich möchte nicht, dass du das nimmst!“ sagen wir „Ich möchte, dass du das wieder hinlegst.“ Das ist sehr viel Übungssache. Mit der positiven Formulierung biete ich dem Kind aber oft gleich eine Handlungsalternative an, an der es sich orientieren kann.

Jeder, der sich dafür interessiert, wird viele Internetseiten und Bücher zu diesen Themen finden. Nichts davon wird sofort klappen. Ihr könnt aber das, was euch wichtig ist, schrittweise in euren Alltag einbauen und sehen, ob es sich für euch und eure Familie gut anfühlt.

Ich maße mir nicht an, irgendjemandem zu sagen, wie er sein Kind erziehen soll. Jeder hat eigene Wege, eigene Vorstellungen, eigene Werte und eigene Erfahrungen, vielleicht auch aus der eigenen Kindheit. Es gibt aber vielleicht Eltern, die neue Wege suchen, die sich neu orientieren wollen, die möchten, dass ihre Kinder andere Erfahrungen machen als sie selbst in ihrer Kindheit.

Deshalb liebe Eltern, hört auf euch zu rechtfertigen. Geht euren Weg mit eurem Kind – liebevoll und sorgsam. Und hört auf, andere für deren Weg zu kritisieren.

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Ein Gedanke zu “Unerzogen und selbstbestimmt

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