Ich sitze hier vor einem fertigen Text und traue mich nicht, auf veröffentlichen zu klicken. Warum?

Diese Seite ist eine angelehnte Tür in mein Hirn, mein Herz, ja manchmal sogar in mein Heim, und jeder der im Internet ist, kann durch diese Tür durchgehen.

Ich bin ein sehr reflektierter Mensch. Ich überdenke alles, kenne meine Stärken und Schwächen, bin bereit an mir zu arbeiten, aufgeschlossen gegenüber Neuem und ändere meine Meinungen und Ansichten wenn es erforderlich ist.

Alles fließt, wie Heraklit schon erkannte.

Doch wohin fließen meine Zeilen, meine Worte, meine Gedanken? Werden sie so gelesen, wie ich sie gemeint habe? Oder werden sie vielleicht von den falschen Menschen am Ende gegen mich verwendet?

Ja, an dieser Stelle kann man sich denken, dass ich dann beim Bloggen falsch bin, oder zu feig dazu. Dass ich bei belanglosen Themen bleiben soll oder lieber ganz aufhören. Aber das will ich nicht. Ich liebe es zu schreiben und habe etwas zu sagen. Mal ist es etwas Kritisches, mal etwas Lustiges, mal etwas Unwichtiges. Egal ob es nur für mich ist oder für hundert andere. Für mich ist es befreiend.

Hier geht es nicht um Leser, die meinen Text kritisieren, eine andere Meinung haben oder sonstiges. Sondern um Ämter, Institutionen und andere, die dir vielleicht deine eigenen Worte verdrehen, um dich dort hin zu kriegen, wo sie dich haben wollen.

Gestern die Meldung: Hausdurchsuchung bei Hasspostern, rigoroses Durchgreifen.

Zuerst dachte ich, bravo, gut so. Die Hetze gehört gestoppt, eingedämmt, kontrolliert.

Doch dann dachte ich, dass auch diese Maßnahme überdacht gehört. Wurden da wirklich nur „Schuldige“ durchsucht? Was ist mit anderen Personen, die in diesen Wohnungen leben, vielleicht sogar Kinder? Gibt es vielleicht Fälle, wo schon länger versucht wird, an bestimmte Menschen ran zu kommen, und irgend ein Posting ist jetzt ein willkürliches Mittel zum Zweck?

Ich möchte nochmal betonen, ich verurteile jegliche Art von Hass und Gewalt gegen Lebewesen, egal ob physisch oder verbal. Ich möchte aber trotzdem zu bedenken geben, dass es sich bei besagten Postings um Kommentare in einer geheimen (!) Facebook-Gruppe handelte. Mobbing, Hass und Hetze sind immer zu verurteilen. Wir müssen aber dort ansetzen, wo sie entstehen.

Das was wir im Internet lesen ist nur der Gipfel. Solche Maßnahmen machen manche vorsichtiger oder mundtot, ändern aber nichts daran, was besagte Personen denken. Und dort schlummert die wirkliche Gefahr: in den Köpfen der Menschen.

Nein, ich bete nicht für Nizza. Ich trauere um die Opfer und Attentäter. Ich trauere, weil viele Menschen sterben mussten. Weil es manche Menschen gibt, die glauben, im Recht zu sein, stärker zu sein, mächtiger zu sein. Ich trauere darüber, weil diese Menschen die Kinder, die Familie, die Freunde von jemandem waren und nun nicht mehr da sind. Niemand wird als Rassist, als Mörder oder als Attentäter geboren. Egal woher wir kommen, aus welchem Land, aus welchem Kontinent – wenn wir geboren werden sind wir alle gleich.

Ich bete nicht

Ich sage, hört auf immer die Schuld auf andere zu schieben und mit dem Finger auf andere zu zeigen. Was kann ich selber machen, um die Welt besser zu machen? Was ist mir wichtig? Was vermittle ich meiner Umwelt, meiner Familie, meinen Kindern?

Lasst uns weniger gegen etwas und viel mehr für etwas sein. Helft anderen und lasst euch selbst helfen. Verbreitet gute Nachrichten statt schlechter.

Ich bete nicht, sondern ich setze mich ein für mehr Toleranz. Mehr Liebe. Mehr Individualität. Überlegt und hinterfragt, bevor ihr Unwahrheiten und Falschmeldungen postet oder teilt und damit Ängste und Aggressionen schürt.

Ihr meint, nur ihr alleine könnt sowieso nichts ändern? Dazu möchte ich euch diese Geschichte hier lassen:

Ein furchtbarer Sturm kam auf. Der Orkan tobte. Das Meer wurde aufgewühlt und meterhohe Wellen brachen sich ohrenbetäubend laut am Strand.

Nachdem das Unwetter langsam nachließ, klarte der Himmel wieder auf. Am Strand lagen aber unzählige von Seesternen, die von der Strömung an den Strand geworfen waren.

Ein kleiner Junge lief am Strand entlang, nahm behutsam Seestern für Seestern in die Hand und warf sie zurück ins Meer.

Da kam ein Mann vorbei. Er ging zu dem Jungen und sagte: “Du dummer Junge! Was du da machst ist vollkommen sinnlos. Siehst du nicht, dass der ganze Strand voll von Seesternen ist? Die kannst du nie alle zurück ins Meer werfen! Was du da tust, ändert nicht das Geringste!”

Der Junge schaute den Mann einen Moment lang an. Dann ging er zu dem nächsten Seestern, hob ihn behutsam vom Boden auf und warf ihn ins Meer. Zu dem Mann sagte er: “Für ihn wird es etwas ändern!”

DSC_7627.jpg

 

(Quelle: http://www.zeitzuleben.de/seesterne-retten/ gekürzte, abgeänderte Fassung aus dem Buch „Entdecke dein Gehirn“)
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5 Gedanken zu “Bloggen für Frieden

  1. Ich gebe Dir weitestgehend recht, habe aber doch den einen oder anderen Einwand. 😉

    Natürlich muss man in erster Linie da ansetzen, wo Mobbing, Hass und Hetze entstehen. Aber neben den Ursachen muss man eben auch die Taten selbst bekämpfen. Ob diese innerhalb einer geheimen Facebook-Gruppe passieren oder in aller Öffentlichkeit auf dem Marktplatz, das ist für mich erst mal irrelevant – verboten ist nämlich verboten!

    Und wenn zur Bekämpfung solcher Straftaten Hausdurchsuchungen notwendig sind, dann ist das eben so. Möglicherweise werden da nicht nur „Schuldige“ durchsucht, was natürlich tragisch wäre. Aber überspitzt gesagt, bei Verkehrskontrollen werden auch nicht nur „Schuldige“ überprüft.

    Klar ändert man mit einem solchen Vorgehen keine Gesinnung, aber man muss einigen Leuten eben ganz klar deutlich machen, dass die Meinungsfreiheit – auf die sich diese Leute in ihrer seligen Unwissenheit doch so gerne berufen – eben ihre Grenzen hat!

    Gefällt 1 Person

    1. Natürlich gilt zu verhindern was anderen schaden zufügt. Aber im Wort Bekämpfen steckt wieder der Kampf. Solange Terroristen, Rassisten usw glauben, dass das wofür sie kämpfen, es wert ist andere zu töten, wird sich nichts ändern. Sehr sehr schwierig.

      Gefällt 2 Personen

  2. Ein sehr kritischer Beitrag.
    Selbstreflexion kann niemals schaden, sich den Spiegel vorhalten ist der beste Weg, das eigene Ich und das eigene Handeln und Tun zu erkennen.
    Aber es wird im Beitrag auch herbe Kritik an der Gesellschaft als solches geübt (was legitim ist und ich keineswegs verurteile oder kritisiere ). Das Übel an der Wurzel packen, ein wenig platt von mir formuliert, aber sicherlich der richtige Weg, wie du ja auch schreibst.
    Dazu gehört aber auch, sich dem entgegen zu stellen und auf kontroverse Diskussionen eingestellt sein. Diese sind notwendig, wenn „man“ etwas bewegen möchte – und das immer wieder und wieder, auch wenn man es langsam satt hat, sich ständig mit Hohlpfosten auseinander zu setzen.
    Sehr guter Beitrag, mit dem Ausgangspunkt der Selbstkritik. Sicherlich sollte „man“ die Werte einer Gesellschaft hinterfragen und das aus zweierlei Gründen: 1. weil sich die Werte auch für mich selbst ändern oder verschieben können und 2. weil jeder andere Werte Vorstellungen hat.
    Letztendlich hilft nur, sich immer wieder auf diesen unsäglichen Kampf mit den „anders Denkenden“ einzulassen.
    Ob das kurzfristig hilft, wage ich zu bezweifeln. Aber mittelfristig und auch langfristig, kann „man“ nur auf diesen Wege etwas erreichen. Dann „stehen“ auch irgendwann immer mehr Menschen auf und wehren sich und kämpfen für eine „bessere Welt/Gesellschaft“.
    In diesem Sinne …
    … ich finde den Beitrag sehr gut und ich könnte ohne weiteres noch mehr dazu anführen/ausführen, aber das würde dann wirklich den Rahmen eines Kommentares, sprengen.
    Herzliche Grüße
    Ede

    Gefällt 1 Person

    1. Danke Ede! Ja das Thema ist unendlich, wie so viele. Aber im Falle von Hass, Hetze und Terror hilft es nichts, in eine „Die Welt ist so schrecklich“-Schockstarre zu verfallen. Danke auch für’s Teilen!

      Gefällt mir

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