Es war vor über einem Jahr, wir waren gerade auf dem Weg nach Italien. Ich saß am Steuer und ich bin mir nicht mehr sicher, war es noch in Kärnten oder schon in Norditalien. Jedenfalls waren wir über fünf Stunden (mit kleinen Pausen) unterwegs. Ich glaube, es war kurz nach einer der Mautstationen, bei denen man sich ein Ticket ziehen muss, wenn man in Italien auf die Autobahn auffährt.

Ich streckte mich durch, da das lange Sitzen ungewohnt war. Ein paar Kilometer später merkte ich plötzlich, wie ich zu schwitzen begann, obwohl es nicht wärmer war als zuvor. Mein Puls raste und meine Ohren fingen an zu dröhnen. Ich sagte zu meinem Mann, der hinten bei unserer Tochter saß, dass mir grad nicht gut sei und versuchte, mich auf der rechten Fahrspur einzureihen. Zum Glück war sehr wenig Verkehr und ich stoppte sofort in der nächsten Pannenbucht. Ich stieg aus und zitterte am ganzen Körper, musste mich aber gleich wieder hinsetzen.

Plötzlich ging nichts mehr

Jeder, der schon einmal ohnmächtig wurde, kennt vielleicht das Gefühl davor, das Blut rauscht, man sieht verschwommen, nimmt alles wie durch einen Helm wahr, und dann wird einem schwarz vor Augen. In mir lief es ab wie ein Film. Was, wenn ich jetzt während der Fahrt ohnmächtig geworden wäre? Hätten wir überlebt? Wären wir gegen die Leitplanke geschlittert, oder in ein anderes Auto? Hätten wir unschuldige Menschen mit in einen Unfall verwickelt?

Ich kauerte mich auf den Rücksitz und trank kleine Schlucke Wasser, aber es wurde nicht rasch besser. An uns fuhren die Autos in einem wie mir vorkam Höllentempo vorbei und ich wollte dort nur noch weg. Also fuhr mein Mann weiter, zuvor warteten wir bis wirklich kein Auto kam. Ich möchte mir nicht vorstellen, wie es wäre, wenn man bei dichtem Verkehr aus so einer Pannenbucht auffahren will. Wir hätten wohl die italienische Polizei gebraucht, um uns zur nächsten Abfahrt zu bringen.

Erst ein, zwei Stunden später fühlte ich mich wieder lebendig. Davor saß ich nur da und konzentrierte mich auf meine Atmung. Ich dachte mir, so ähnlich muss sich sterben anfühlen. Ich hatte das Gefühl, nichts ging mehr.

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Im Urlaub angekommen dachte ich, ich habe mir vom langen Sitzen irgendwie die Nerven oder die Durchblutung abgeklemmt und zu wenig getrunken hatte ich bestimmt auch. Mir war zeitweise schwindelig, aber sonst ging es, und wir verbrachten zehn schöne Tage. Am Tag der Heimfahrt packten wir alles und fuhren am späten Nachmittag los. Ich saß wieder am Steuer. Doch kurz vor dem Knoten Udine ging es wieder los. Ich sah die vielen Verkehrsschilder, den dichter werdenden Verkehr, die Auf- und Abfahrten vor den riesigen Brücken und merkte, wie mir wieder schwindelig wurde. Ich konnte unmöglich weiter fahren. Ich hielt am Pannenstreifen und wusste nicht wie mir geschah. Saß ich komisch? Klemmte ich mir beim Fahren irgendetwas ab? Was war nur los?

Mein Mann fuhr die restliche Strecke. Wieder zuhause ging es mir nicht wirklich besser. Das Schwindelgefühl wollte nicht mehr weg gehen. Ich lag abends wach, weil der Schwindel mich nicht schlafen ließ. Es war, als lebte ich auf einem Schiff, das ständig schwankte.

Nach dem Arzt ist vor dem Arzt

Eine Odyssee von Arztbesuchen begann. Ich hoffte, dass es einfach irgend ein Mangel war, und ließ mir zuerst vom Hausarzt Blut abnehmen. Eine Woche später war ich wieder dort, doch der Befund war völlig unauffällig. Alles bestens. Ich bekam eine Überweisung zum Augenarzt, und musste auf den Termin warten. Wieder vergingen Wochen, in denen ich nicht wusste, was mit mir los ist. In denen ich gefangen war, weil ich mich nicht Autofahren traute.

Auch beim Augenarzt passte alles. Meine Brille sei optimal, meine Augen gesund, nichts zu erkennen. Als nächstes bekam ich eine Überweisung zum Radiologen. Dort wurde der Durchfluss meiner Halsschlagadern kontrolliert. Der Arzt war total nett und versuchte mich aufzuheitern. Er meinte, es ist alles bestens und jetzt habe ich einen Wert zum Vergleich, wenn ich dann mit 80 Jahren wieder kommen würde.

Ein Termin für ein MRT wurde vereinbart. Damit ging das Gedankenkarussell dann so richtig los. Ich schwankte zwischen „Bitte findet endlich was“ und „Bitte kein Hirntumor“. Ich hatte Angst, was aus meiner Tochter werden würde, wenn ich nicht mehr für sie da sein könnte. Die Wartezeit für das MRT kam mir lange vor, doch als der Tag dann da war, war ich kurz davor abzusagen. Seit dem Urlaub waren inzwischen drei Monate vergangen. Viele gaben mir Tipps, wie man es in dieser Röhre aushalten kann. Ich weiß nicht was sie genau gemacht haben, aber es waren zwei verschiedene Untersuchungen, daher dauerte es länger als ein normales Schädel-CT. Der Termin war um 21 Uhr abends. Da die Wartelisten sehr lang sind, wird dort bis spät in die Nacht gearbeitet. Ich lag da drin und versuchte mich nicht zu bewegen. Sogar schlucken sollte man vorsichtig. Die kleinste Bewegung und die ganze Untersuchung ist umsonst, hatte man mir gesagt. Aber nochmal wollte ich dort nicht so schnell hin. Ich stellte mir vor, das laute Klopfen und Brummen sei ein Rockkonzert, und versuchte mir Melodien dazu auszudenken. Doch nach einigen Minuten dachte ich, ich stehe es nicht durch. Ich wusste nicht mehr, wie ich noch ruhig liegen soll. Die Unterlage war hart und mir taten die Füße und der Rücken weh. Als das Gerät endlich verstummte, war ich heilfroh.

Auch zum HNO wurde ich geschickt. Er war der erste, der etwas fand. Das war fast schon beruhigend. Er meinte, ich habe Durchblutungsstörungen im Innenohr und die beste Therapie wären vier Wochen Malediven, weil das meist von Stress ausgelöst wird. Er fragte, ob ich denn Stress habe. Darüber konnte ich nur lächeln. Haben wir nicht alle Stress? Mit Kind zuhause, kurz vor dem Umzug in ein neues Haus, mitten im Packen und Renovieren… Ja, das konnte man schon Stress nennen. Er verschrieb mir drei verschiedene Medikamente. Und er machte mir klar: So schnell ist das nicht wieder in Ordnung, ich solle mich darauf einstellen, dass das mehrere Monate dauern wird. In sechs Wochen sollte ich wieder kommen. Bis dahin hätte ich dann ja auch den MRT und CT Befund…

Nach ein paar Tagen konnte ich den Befund endlich abholen. Sofort kramte ich den Arztbrief heraus und setzte mich zum PC, um die Begriffe zu googeln. Zum ersten Mal sah ich meinen Kopf von innen sozusagen. Im Befund stand, dass meine Halswirbel im Bereich 5/6 etwas abgenutzt sind, aber sonst keine Auffälligkeiten. Ich war erleichtert und gleichzeitig verstand ich die Welt nicht. Warum ging es mir nicht gut, obwohl ich anscheinend gesund war?

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Was kann mit mir los sein, ich war 32 Jahre alt und laut allen Befunden soweit gesund? Es war eine sehr belastende Zeit. Ich bekam Physiotherapie und Heilmassagen verschrieben, die mir sehr gut taten und Verspannungen lösten. Ich musste immer jemanden bitten, mich zu den ganzen Terminen zu fahren. Meine Mama und meine Schwester spielten immer geduldig das Taxi, kauften für mich ein und warteten bei Arztterminen. Was tut man am Land ohne Auto, noch dazu mit Kind? Doch ich traute mich nicht selbst zu fahren. Im Auto war der Schwindel besonders schlimm. Ich hätte es mir nie verzeihen können, wenn ich einen Unfall verursacht hätte.

So ging das dann über Monate. Ende des Jahres gab ich dann die ganzen Symptome aus einem Impuls heraus in eine Google-Suche. Und plötzlich stolperte ich über einen Bericht einer Frau, die genau das schrieb, was mir widerfahren war. Auf dem Weg in den Urlaub, ihr wurde schwarz vor Augen. Ihr Herz raste, sie schwitzte. Sie wusste allerdings was das war: Eine Panikattacke.

Endlich war da eine Antwort

Eine Panikattacke? Ich? Ein psychisches Problem? Ich? War das tatsächlich alles nur in meinem Kopf? Bildete ich mir das ganze etwa nur ein? Aber ich war doch immer ein stabiler Mensch, warum passierte mir so etwas? Und vor allem, wie geht das wieder weg?

Endlich hatte ich ein Aha-Erlebnis. Ich hatte das Gefühl, eine Antwort gefunden zu haben. Es fiel mir wie Schuppen von den Augen. Ich las genauer darüber nach. Dort stand es genau so – emotionale Überlastung, meist bei Einkehr von Ruhe, treten solche Attacken auf. Unser Leben hatte sich kurz davor deutlich gebessert. Wir hatten die Diagnostik der Tochter hinter uns, hatten endlich ein Haus gefunden, hatten alles soweit geregelt und uns auf den Urlaub gefreut. Und dann sagte mein Körper: Pause.

Und jetzt?

Mittlerweile habe ich beinahe einen Zweitwohnsitz beim HNO. Ich bin alle paar Wochen dort. Dazwischen war es mal besser, mal schlechter. Er meinte, Wetterwechsel und Anstrengungen werde ich noch lange spüren.

Auch zur Osteopathin gehe ich jetzt regelmäßig und bin davon begeistert. Außerdem ist das die Zeit, in der ich mal wirklich abschalten kann. Im Frühjahr habe ich mir Fahrstunden genommen. Ja, nach 15 Jahren unfallfreier Fahrt mit teilweise über 10.000 km im Jahr fing ich nochmal von vorne an. Aber ich brauchte die Sicherheit. Ich brauchte das Wissen, dass jemand neben mir sitzt, der im Notfall da ist.

Ich muss mich noch immer sehr konzentrieren, wenn ich fahre, und fahre noch immer keine weiten Strecken. Aber ich weiß jetzt, dass sich vieles im Kopf abspielt. Wenn ich merke, dass mein Puls sich beschleunigt, versuche ich mich abzulenken. Ich mache das Fenster auf, drehe die Musik lauter und singe mit, nehme mir einen scharfen Kaugummi oder trinke etwas. Wenn ich mich unwohl fühle, bleibe ich stehen und gehe ein paar Schritte. Für mich war es vor einem Jahr noch unvorstellbar, dass ich mal nicht diejenige bin, die am Steuer sitzt. Ich fuhr immer gerne Auto. Umso härter traf es mich, dass genau das jetzt bei mir Panik auslösen kann. Aber dieser Film, der seit der Situation auf der Autobahn in meinem Kopf festsitzt, ist noch zu präsent.

Ich bin nicht alleine

Dieser Text ist sehr persönlich und ich habe lange damit gerungen, ihn aufzuschreiben. Warum ich es dennoch tue? Weil ich hoffe, dass auch andere diese Antwort finden, die ich damals so verzweifelt gesucht habe. Weil ich traurig bin, dass kein Arzt erkannt hat, was mit mir los ist. Weil man sich für seine Psyche nicht zu schämen braucht. Weil psychische Erkrankungen noch immer ein Tabuthema sind, aber nicht länger sein sollen. Weil auch andere den Mut haben sollen, sich Hilfe zu suchen.

Es ist eine lange, beschwerliche Reise. Ich kann euch nicht sagen, wie lange sie dauert, denn auch ich bin noch mittendrin. Ich habe akzeptiert, dass es so ist wie es ist, und kann jetzt etwas tun, um meine Lebensqualität wieder schrittweise zu verbessern. Die wichtigste Erkenntnis von mir für alle Betroffenen: Ihr seid nicht alleine. ❤

 

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